Faktencheck zum Thema Nahrungsmittelintoleranz
Manche Mythen und Vorurteile rund um das Thema Nahrungsmittelintoleranz halten sich seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, hartnäckig. Zeit, ihnen auf den Grund zu gehen und sie einem Faktencheck zu unterziehen.
Mythos Nr. 1: Nahrungsmittelintoleranzen sind nur eine Modeerscheinung
Viele glauben, Unverträglichkeiten seien ein Lifestyle-Trend, weil Begriffe wie „glutenfrei“ oder „laktosefrei“ heute in Supermärkten und auf Social Media allgegenwärtig sind – und früher haben doch auch alle alles vertragen. Tatsächlich sind sie aber für einen kleinen, aber relevanten Teil der Bevölkerung Realität und ein medizinisch nachweisbares Stoffwechselproblem.
Fakt ist, dass in den letzten Jahren wesentlich mehr Personen mit Lebensmittelunverträglichkeiten diagnostiziert wurden. Daraus lässt sich aber nicht automatisch ein Anstieg feststellen, sondern mehr Bewusstsein für die eigene Ernährung und Verdauung sowie eine bessere Diagnostik.1
Früher blieben Allergie und Unverträglichkeiten viel häufiger als solche unerkannt. Beschwerden wie Blähungen, Durchfall oder Migräne wurden oft nicht richtig zugeordnet.
Mythos Nr. 2: Menschen mit Nahrungsmittelintoleranzen sind einfach zu wählerisch
Wer eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat, wird oft als schwieriger oder anspruchsvoller Esser abgestempelt. Das kann dazu führen, dass Betroffene in Gesellschaft lieber mitessen, statt sich zu schützen – mit entsprechend unangenehmen Folgen. Denn in Wahrheit haben sie echte Beschwerden, wenn sie bestimmte Lebensmittel essen, die für andere kein Problem sind.
Es lohnt sich daher, vor Einladungen bei Freunden um die Rücksichtnahme der nicht verträglichen Lebensmittel zu bitten, damit sie eine sorglose Zeit genießen können.
Mythos Nr. 3: Nahrungsmittelintoleranzen sind das gleiche wie Nahrungsmittelallergien
Nein, es gibt zwei wesentliche Unterschiede:
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Nahrungsmittelallergien werden praktisch immer von Eiweißverbindungen ausgelöst (z. B. Milcheiweißallergie). Bei Intoleranzen ist die Verwertung von Nahrungsinhaltsstoffen – meist Kohlenhydrate (z. B. Milchzucker) – gestört.
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Bei Allergien ist immer das Immunsystem beteiligt und es werden IgE-Antikörper gebildet. Bei Nahrungsmittelintoleranzen findet keine Immunreaktion statt, weil es sich um einen Mangel an einem bestimmten Enzym oder Transporter handelt.
Mythos Nr. 4: Intoleranzen sind selten und betreffen nur wenige Menschen
Stimmt nicht. Betroffene von Nahrungsmittelunverträglichkeiten gibt es weit mehr, als man vermuten würde. Je nach Art der Intoleranz sind 1 – 30 % der Bevölkerung betroffen, zum Teil noch mehr. Am häufigsten kommen weltweit die Laktoseintoleranz und Fruktosemalabsorption vor.
Außerdem könnten Störungen des Darm-Mikrobioms – hervorgerufen durch die moderne Ernährungs- und Lebensweise – die Häufigkeit von Intoleranzen in die Höhe getrieben haben. Wir essen heute viele hoch verarbeiteten Produkte und nehmen uns oft zu wenig Zeit für das langsame Genießen von Mahlzeiten. Das kann den Darm überstrapazieren und ihn empfindlicher machen.
Wissenschaftliche Beweise dafür fehlen allerdings.
Mythos Nr. 5: Nahrungsmittelintoleranzen sind meist psychosomatisch
Dieses Vorurteil ist deshalb wissenschaftlich nicht haltbar, weil die meisten Nahrungsmittelintoleranzen eine klar nachweisbare körperliche Ursache, wie etwa einen Enzymmangel oder Transportstörungen im Darm haben.
Essen und Psyche hängen aber immer eng zusammen. Deshalb spielen Stress oder andere psychische Belastungen beim Verlauf bzw. dem Ausmaß der Symptome eine Rolle. Sie können die Unverträglichkeit verstärken – besonders z. B. bei Histaminintoleranz. Das ist der Grund, warum Menschen im Urlaub meist weniger Beschwerden haben als im stressigen Alltag zu Hause.2,3
Mythos Nr. 6: Menschen mit Nahrungsmittelintoleranzen sind immer krank oder schwach
Eine Intoleranz (z. B. Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption) ist eine Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Bestandteilen von Lebensmitteln, aber keine Krankheit im eigentlichen Sinn. Menschen mit einer Intoleranz sind mit ihrer individuell angepassten Ernährung in der Regel beschwerdefrei, leistungsfähig und gesund.
Nur wenn eine Intoleranz auf Dauer unbehandelt bleibt oder ignoriert wird, können gesundheitliche Probleme auftreten.
Mythos Nr. 7: Nahrungsmittelintoleranzen sind einfach zu diagnostizieren
Obwohl die Diagnosemöglichkeiten sich in den letzten Jahren stark verbessert haben, ist es nicht immer leicht herauszufinden, unter welcher Unverträglichkeit Betroffene leiden. Die Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall sind oft unspezifisch und können viele Ursachen haben.
Folgende Möglichkeiten helfen bei der Ursachenforschung:
Ernährungs- und Symptomtagebuch: Führt man akribisch Protokoll über das Gegessene und schreibt den zeitlichen Verlauf von Beschwerden dazu, kann dies bei der Anamnese und Diagnostik sehr hilfreich sein.
H2- Atemtest: Mit diesem können Unverträglichkeiten auf Kohlenhydrate wie Fruktose oder Laktose festgestellt werden.
Allergietest: Zum Ausschluss einer Nahrungsmittel-Allergie kann ein Allergietest gemacht werden. Aber Achtung: IgG-Nahrungsmitteltests wie sie oft für zu Hause angeboten werden liefern keine seriöse Aussage – weder zu Unverträglichkeiten noch zu Allergien. IgG-Antikörper zeigen nur, dass der Körper schon irgendwann mit dem Lebensmittel Kontakt hatte.
Sorbit- oder Histaminintoleranz lassen sich nur schwer oder gar nicht zuverlässig testen, selbst wenn das immer wieder behauptet wird.
Mythos Nr. 8: Wenn man eine Nahrungsmittelintoleranz hat, darf man das betroffene Lebensmittel niemals essen
Anders als bei einer Allergie können Menschen mit Nahrungsmittelintoleranzen die Beschwerden verursachenden Lebensmittel nach einer Anpassungszeit in individuell verträglichen Mengen wieder essen. Ein lebenslanger, vollständiger Verzicht ist nicht notwendig und auch gar nicht hilfreich. Ziel einer fundierten Ernährungsberatung ist es daher, wieder eine möglichst abwechslungsreiche Ernährung zu ermöglichen, die den Speiseplan so wenig wie möglich einschränkt.

Quellen:
1 https://www.nahrungsmittel-intoleranz.com/gibt-es-einen-anstieg-von-nahrungsmittelintoleranzen-zu/
2 Eutamene, H. et al.: Acute stress modulates the histamine content of mast cells in the gastrointestinal tract through interleukin-1 and corticotropin-releasing factor release in rats. In: J Physiol. 2003, 553(Pt 3):959-66
3 https://www.schnellgesund.at/post/histaminintoleranz-mehr-als-eine-intoleranz





